(10.10.2009) Reiterinnen-Statuen, Bücher, Filme, Bilder - die Königin aus dem 19. Jahrhundert ist eine der Heldinnen Indiens und wird als Beispiel für Mut, Tapferkeit und Freiheitsliebe verehrt. Rani Lakshmi Bai kam 1835 in einer Brahmanenfamilie in Benares (Varanasi) zur Welt und wurde Manukarnika genannt, nach dem Beinamen des Ganges als "Mutter Ganges". Ihr Vater Moropant ist Ratgeber eines indischen Herrschers und lässt für die Tochter traditionellerweise ein Horoskop erstellen, das nicht so recht zu einem Mädchen zu passen scheint.
Obwohl etwa Rani Chennamma im 17. Jahrhundert auch eine der überlieferten kämpfenden Herrscherinnen ist, klingt es doch eher ungewöhnlich, wenn im Horoskop von Tapferkeit, Wissen, Gerechtigkeitsliebe und Ruhm in der Schlacht durch das Schwert die Rede ist. Manukarnika wird jedenfalls gemeinsam mit Jungen erzogen wie Prinz Nana Sahib, den der Herrscher adoptiert hat, und dessen Freund Tatya Tope. Sie lernt mit ihnen Schreiben und Lesen, reitet mit ihnen aus und übt mit Trainingsschwertern Fechten. Wenn es darum geht, Fahnenstangen hochzuklettern, übertrifft sie alle.
Auf einem Elefanten darf sie allerdings nicht reiten, so sehr sie sich das auch wünscht. Doch dann geht einer durch und sie lässt sich von einem Ast auf seinen Rücken fallen und schafft es, ihn zu bändigen und zum Halten zu bringen. Manukarnika, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal zehn Jahre alt ist, bekommt vom Herrscher den neuen Namen Chhabili (voll Lebenskraft). Das Mädchen wird nun, wie es Sitte war, verheiratet, wobei die Ehe erst dann vollzogen wird, wenn sie 15 oder 16 ist. Ihr Ehemann ist der Maharadscha von Jhansi, dem kleinsten indischen Königreich, das aber eine sehr starke Festung hat, als reich gilt und wo sich wichtige Handelsrouten kreuzen. Die englischen Kolonialherren haben Jhansi stets im Auge, denn der Maharadscha erhebt Steuern recht nachlässig.
Chhabili hat bei ihrer Hochzeit drei Wünsche frei, und sie möchte, dass ihre Freundin Mundar immer bei ihr bleibt. Außerdem soll Nana Sahib ein Elefant geschickt werden, damit er sieht, dass sie nun viele Elefanten hat. Und den dritten Wunsch überlässt sie ihrem Vater, der daraus wahrlich das beste macht, denn sie soll sich im Palast frei bewegen dürfen, auch die Stallungen aufsuchen. Moropant kommt mit nach Jhansi und wird Minister. Als Maharani oder Rani erhält das Mädchen wieder einen neuen Namen, Lakshmi Bai nach Lakshmi, der Göttin des Glücks. Die Rani bekommt nach ein paar Jahren einen Sohn, der jedoch nach ein paar Monaten stirbt. Der Maharadscha ist sehr krank und adoptiert vor seinem Tod Rao, einen fünfjährigen Jungen aus seiner Verwandtschaft.
1853 ist die Rani 18 Jahre alt und wird von den Kolonialherren, die die Adoption nicht anerkennen, dazu aufgefordert, abzutreten und ihr Land den Briten zu überlassen. Sie engagiert einen irischen Anwalt, der von der leidvollen Erfahrung seines Volkes mit den Briten geprägt ist, die eine Million Iren nach schlechten Ernten haben verhungern lassen. In erhaltenen Dokumenten argumentiert er, dass es ein Bruch aller Verträge ist, Jhansi zu beanspruchen. Der englische Generalgouverneur Dalhousie konnte schon manch indische Fürsten einschüchtern und zur Aufgabe ihres Landes nötigen, doch Lakshmi Bai tritt den Briten stolz entgegen, wie überliefert ist. Sie sagt: "Je stärker ein Staat ist, desto weniger ist er geneigt, einen Fehler oder Akt der Willkür einzugestehen!".
Sie wollen sie dazu zwingen, alles aufzugeben und sogar Staatsschulden zu bezahlen, und halten dies in einem Memorandum fest, in dem auf keines ihrer Argumente eingegangen wird. Dörfer, die bislang mit ihren Abgaben für den Erhalt der Tempel der Schutzgöttin Lakshmi aufkamen, sollen nun Steuern an die Kolonialmacht abliefern. Wut und Empörung gab es nicht nur in Jhansi, sondern auch bei den hinduistischen Soldaten in der britischen Armee, den Sepoys. Obwohl ihnen zugesichert wurde, ihre religiösen Gefühle zu achten, sollen sie Rindsleder tragen, Kühe toten und mit Rinderfett eingeschmierte Geschosse verwenden. Kühe sind Hindus heilig, weil sie als "gefangene Flüsse" und damit als Trägerinnen des Lebens gelten.
Die Kuh ist auch ein Tier der Großen Göttin, sowohl in der indischen Tradition als auch etwa bei den Kelten, deren Vorstellungswelt viele Parallelen zur indischen aufweist (das betrfft auch Druiden und Bramahnen). Wien kommt möglicherweise nicht von "weiße Stadt", sondern bedeutet "Stadt der weißen Kuh", wie manche KeltenforscherInnen meinen, sodass die Hauptstadt Österreichs auch einmal der Muttergöttin geweiht war. Tatsächlich erinnert die Geschichte der Rani und die Tatsache, dass sie heute noch verehrt wird, an die keltische Königin Boudicca und ihre Rebellion gegen die Römer (ironischerweise waren unter ihren KämpferInnen wohl auch die AhnInnen jener Männer, die Jahrhunderte später Krieg gegen die Rani führten).
Die Politik der Kolonialherren diente zunehmend auch dem Versuch, das "heidnische" Indien zu missionieren, sodass die Verletzung religiöser Gefühle wohl auch bewusstes Kalkül war, um über die InderInnen zu triumphieren und sie zu demütigen. Als Hindu-Soldaten, die ihren Glauben missachtende Befehle verweigern, zu mehrjährigen Kerkerstrafen verurteilt werden, befreien sie ihre Sepoy-Kameraden am 10. Mai 1857. Daraus wird der stetig wachsende Sepoy-Aufstand, dem sich auch der letzte Mogulkaiser in Delhi anschließt. Bereits am 11. Mai sieht man keinen Briten mehr in Delhi, denn sie flüchten nach Jhansi, wo bereits Steuerverwalter, Missionare und Offiziere (mit Familien) stationiert sind.
Lakshmi Bai nimmt die Engländer in der Festung von Jhansi auf, gerade auch, um deren Frauen und Kinder zu schützen, und versorgt sie mit Lebensmitteln. Die Sepoy wollen deswegen die Stadt plündern, doch das kann sie verhindern. Allerdings töten sie fast alle Briten, die die Festung verlassen, was der neue Generalgouverneur Canning Lakshmi Bai anlastet. Er will sie, obwohl britische Offiziere das als großes Unrecht empfinden, als Mörderin ergreifen lassen. Die Rani erkennt, was ihr bevorsteht, und rüstet ihr Land zum Widerstand. Sie reitet jeden Morgen heimlich mit jungen Frauen aus, die sie im Kampf unterweist. Da Räuber in einem Außenfort vor Jhansi lagern und die Handelswege bedrohen, über die Vorräte herangeschafft werden, reitet Lakshmi Bai selbst hin, um mit dem Anführer zu verhandeln.
Sie fordert ihm zu Schwertkampf heraus - wenn sie siegt, muss er sich ihr ergeben. Zwar wird sie verwundet, stößt ihn aber dann mit einem Hieb vom Pferd. Er wird nun ihr treuer Gefolgsmann. Bei Beratungen mit Generälen und Offizieren gibt es unterschiedliche Meinungen - die einen sagen, die Engländer sind Herren der Lage, noch nie habe man sie in der Schlacht besiegt, sodass es besser sei, sich zu unterwerfen. Andere sind aber gerade deswegen gekommen, weil sie hofften, mit der Rani gemeinsam gegen die Kolonialherren zu kämpfen. Dann kommt aber die Nachricht, dass 30.000 Mann unterwegs sind, um sich anzuschließen, angeführt von Tatya Tope, Lakshmi Bais Freund aus der Kindheit. Jhansi gilt mit seinen meterdicken Mauern als beste Festung Indiens, aus der die Briten eine Kaserne machen wollen.
Sie haben modernere Waffen und ausgebildete Soldaten, während die Truppen von Tatya Tope ihre Gewehre langsamer laden und vor allem aus unerfahrenen Freiwilligen bestehen. Bereits vor Jhansi werden die Inder in die Flucht geschlagen, noch bevor Lakshmi Bai mit ihren Leuten einen Ausfall machen kann. Die Briten wollen in die Festung einbrechen und schießen sich auf eine Schwachstelle in der Stadtmauer ein. Sie haben bereits alles für einen Prozess gegen die Rani vorbereitet, der mit einem Todesurteil enden soll. Nachdem die Briten die Mauern der Stadt überwunden haben, kämpfen sie Haus um Haus und verschonen niemanden über 16, wie es in einem Bericht heisst, die Frauen ausgenommen. Die Rani zieht sich mit dem neunjährigen Rao zurück und flüchtet mit ihm zu Pferd, angeblich durch einen Sprung von der Stadtmauer, doch diese ist so hoch, dass ein Pferd ihn kaum überstehen kann.
Sie soll hundert Meilen bis nach Kalpi geritten sein, der nächsten Festung, die noch in indischer Hand ist, während Jhansi hinter ihr in Flammen aufging. Die Briten setzen 20.000 Rupien Prämie für ihre Ergreifung aus, was sehr viel Geld ist, doch sie wird nicht verraten. Die Briten folgen ihr nach Kalpi und sind sich schon sicher, dass sie Lakshmi Bai gefangen nehmen können, da verlieren sie Festung und Stadt in Gwalior, denn die Truppen und die Einwohner laufen zu den Aufständischen über. Diesmal sind es bestens ausgerüstete und trainierte indische Soldaten. Lakshmi Bai zieht mit Tatya Toye im Triumphzug in Gwalior ein, und am 3. Juni 1858 wird Nana Sahib zum Herrscher im befreiten Zentralindien ausgerufen. An den tagelangen Feierlichkeiten nimmt die Rani nicht teil, sondern sie umrundet die Stadt permanent zu Pferd zusammen mit 300 Reitern, um sie im Ernstfall zu schützen.
Tatsächlich rechnen die Inder nicht mit einem Angriff, da es extrem heiss ist, doch die Briten müssen ihren Feldzug vor dem Einsetzen des Monsun beenden, wollen sie ihn gewinnen. Am 17. Juni erreicht eine britische Vorhut das Umland von Gwalior, wo Lakshmi Bai gerade vom Pferd gestiegen ist, um Wasser zu trinken. Als 50 Reiter herangaloppieren, springt sie sofort aufs Pferd, wird aber von einem Schuss in den Rücken getroffen. Sie wendet sich im Sattel um und greift den Mann an, der den Schuss abgefeuert hat, wird dabei aber von einem Schwerthieb erwischt. Mundar, ihre Freundin, kann die vom Pferd stürzende Rani retten und nach Gwalior bringen. Lakshmi Bai soll im Sterben liegend ihren Schmuck an die Soldaten in der Festung verteilt haben und angeordnet haben, dass man sie auf Stroh und Holz bettet, das sie selbst anzündet, um nicht in die Hände der Briten zu fallen.
Einer anderen Version zufolge starb sie bereits an den Verwundungen, die ihr zugefügt wurden, und nicht durch eigene Hand, was wiederum eine Parallele zu Boudiccas Ende darstellt. Die Briten eroberten Gwalior, Tatya Toye konnte fliehen und kämpfte noch ein Jahr lang als indischer Robin Hood, bis ihn die Kolonialherren im Dschungel stellen und hängen. Nana Sahib schlug sich bis zum Himalaya durch, wo er in Zusammenhang mit einem Tempel in Nepal zum letzten Mal erwähnt wird. Die Briten verglichen die Rani posthum mit einem anderen ihrer Opfer, mit Jeanne d'Arc, doch haben die Darstellungen von Lakshmi Bai nichts mit denen einer Jungfrau zu tun, da sie als Heldin des sinnenfreudigen Orients auch Lebenslust und keineswegs Keuschheit ausstrahlt.
Sie wird in zahlreichen Gedichten besungen, etwa so:
Sie sprang vom Lotus-Sitz auf, sprang auf ihr Pferd, und zückte das Schwert, Feuer sprüht aus ihren Augen! Statt dich zu bücken, steh auf mit dem Schwert!
Oder auch:
Sie ist wie der Strom Manukarnika und fließt dahin mit seiner Kraft, seinem Licht, wie das Wasser des großen Stroms.
Infos:
Biografie
Biografie und ergänzende Infos
Wikipedia
Die Rani bei Warrior Kings and Queens
Indian Freedom Fighters
Indian Personalities
Warrior Kings and Queens of India
Freedom Fighters
Indian Heroes
Buch über Lakshmi Bai (auch Bilder, Statuen, andere Bücher)
Indischer Aufstand
Hindu History Blog
Kämpfende Frauen beim Hindu History Blog (u.a. Rani Chennamma)
Bollywoodfilm über Lakshmi Bai geplant
Fernsehserie über Lakshmi Bai (mit Clips)
"Mut der Frauen - Lebensbilder aus der Weltgeschichte" von Heinz Fischer (dtv-Verlag)
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