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Die Dornenkrone, Freiheit und bedenkliches Gedenken

(16.8.2009) Anlässlich des 200. Jahrestags des Tiroler Aufstandes unter Andreas Hofer wird es im September einen Festumzug durch Innsbruck geben. Dabei soll die Dornenkrone, ein riesiges Metallgebilde, mitgetragen werden, die für die Leiden der SüdtirolerInnen steht. Das martialische Symbol, das auch von den (Nord-) Tiroler Schützen verehrt wird, soll mit Rosen verziert werden, was ihm etwas die Wucht nimmt.

Dennoch wird Radikalisierung befürchtet, sodass sich Parteien wie die Tiroler SPÖ schon überlegt haben, die Absage des Festzugs zu verlangen. Das will man mittlerweile nicht mehr, kritisiert aber, dass vom Motto des Gedenkjahres "Geschichte trifft Zukunft" nicht mehr viel zu erkennen sei. Würde die Veranstaltung aber abgesagt, würde dies jene Mehrheit bei den Schützen treffen (sie tragen die Krone im Festzug), die sich in den Debaten konstruktiv zeigte. An ÖVP-Landeshauptmann Platter richtet die SPÖ aber die Ewartung, "der zunehmenden Radikalisierung und Polarisierung im Vorfeld des Umzugs einen Riegel" vorzuschieben.

Die Tiroler Schützen selbst schreiben:  "Mit einer neuen Dornenkrone möchten wir Schützen die Leiden symbolisieren, die die Südtiroler im Laufe der Geschichte mitgemacht haben: im Ersten Weltkrieg, zur Zeit des Faschismus und des Nationalsozialismus, in der Nachkriegszeit und in den 1960er Jahren. Die Dornenkrone ist mittlerweile ein geschichtliches Symbol geworden, das unsere Vergangenheit wach halten kann. Sie passt perfekt in das Motto 'Geschichte trifft Zukunft'. Auf der einen Seite die leidvolle Geschichte, die die Dornenkrone repräsentiert und auf der anderen Seite ein neues Symbol, das des Landes Tirol mit der Inschrift "Mir sein Tirol"..."

Ob Andreas Hofer als Held gefeiert werden muss, ist seiner Biografie nach eine zwiespältige Frage, denn er "verbot nach dem ersten Sieg auf dem Bergisel alle 'Bälle und Feste' und befahl per Erlass, dass 'Frauenzimmer' nicht mehr 'ihre Brust und Armfleisch zu wenig und mit durchsichtigen Hadern bedecken' durften. Somit richtete sich die Aufstandsbewegung nicht nur gegen Besatzung und Fremdherrschaft, sondern trägt auch deutliche Züge eines antimodernen Kampfes gegen die Ziele der Aufklärung.

Der Historiker Laurence Cole hält dazu fest: 'Eine Freiheit des Individuums, wie wir sie kennen, hatte Hofer sicher nicht im Sinn. … Auch ging es um die Verteidigung der Vormachtstellung der katholischen Kirche. 1809 muss man unbedingt auch als Ausdruck einer wirklich starken antiaufklärerischen Stimmung bewerten. Gegen religiöse Toleranz, auch mit typischer Sündenbocksuche.' So kam es unmittelbar nach der ersten Schlacht auf dem Bergisel zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung Innsbrucks."

Außerdem gibt es auch neuere Publikationen: "Mit seinem Buch Des Hofers neue Kleider hat Siegfried Steinlechner 2000 eine erste umfassende Rezeptionsgeschichte Andreas Hofers vorgelegt. Demnach sei Hofer selbst zwar keineswegs als Nationalheld zu sehen und 1848 sei er selbst in Tirol eher belächelt worden. Mit dem Aufstieg der Deutschnationalen in Tirol wurde er jedoch zur Figur des nationalen Widerstandes verklärt. Deshalb finden sich im Andreas-Hofer-Lied, mit dem der Tod Hofers besungen wird, auch die Worte 'ganz Deutschland lag in Schmach und Schmerz'. Von den Nationalsozialisten wurde Andreas Hofer wiederum als Verteidiger des Deutschtums gegen Italien und Frankreich ins Spiel gebracht, Bozen als Mythos der 'letzten deutschen Stadt' aufgebaut, die von Hofer verteidigt worden sei."

In der Gegenwart ist die Hofer-Verehrung mit der Dornenkrone verbunden: "1984 erhielt der Andreas-Hofer-Mythos neuen Aufschwung durch die Feier des 175-Jahr-Jubiläums. Insbesondere der öffentliche Konflikt um die 'Dornenkrone',  eine mehrere Meter durchmessende Metallkrone, die von den Tiroler Schützen beim Festzug mitgetragen wurde, war prägend für das Land. Die Dornenkrone wurde vom Brenner bis nach Innsbruck getragen und sollte dort verbleiben. Ein öffentlicher Aufschrei der gleichzeitig erwachenden Tiroler Alternativ- und Intellektuellenszene hat dies jedoch verhindert. Die Diskussion um die Dornenkrone war einer der Marksteine für das Entstehen der Liste für ein anderes Tirol, aus der schließlich die Tiroler Grünen hervorgehen sollten. Die Dornenkrone befindet sich heute etwa 30 Kilometer westlich von Innsbruck in der Marktgemeinde Telfs auf dem Privatgelände eines Industriellen."

Eine Dornenkrone als Symbol können sich fast nur Männer ausdenken, die ja auch Abbilder eines gefolterten Mannes mit Dornenkrone bei diversen religiösen Umzügen mitschleppen, könnte frau sich dazu denken. Auch das Inszenieren von Leid, Heldentum, Schmerz und verklärtem Freiheitskampf sieht ganz nach einem männlichen Zugang aus (nicht umsonst sind die Tiroler Schützen Männersache, auch wenn heute manch ein Schütze lange Haare hat). Nicht ohne Grund gibt es ja  Alternativveranstaltungen zum (Männer) Gedenken, bei denen der Frage nachgegangen wird, welchen Zugang Frauen zu Geschichte und Heldentum haben.

Sieht man / frau sich aber an, wie sich Nord- und vor allem Südtiroler Initiativen selbst darstellen, so ist vieles durchaus nachvollziehbar. Es fiele uns wahrscheinlich leichter, Forderungen der Basken oder der Inuit in Grönland zu verstehen, weil das irgendwie "exotischer" ist und daher auch erlaubt, Sympathien für Freiheitswünsche zu haben (sind Zweisprachigkeit und Chancengleichenheit bei uns selbstverständlich gewesen?). Dass SüdtirolerInnen, die manche ganz einfach "deutsch sprechende ItalienerInnen" nennen, heute wenig(er) Grund zu klagen haben, ist auf ihre eigenen Bemühungen zurückzuführen. Sie waren ja mit Pseudo-Italienischen Namensgebungen für Orte konfrontiert, was ihnen die Identität rauben sollte, und erlebten, dass anstelle von Zweisprachigkeit italienisch sprechende Menschen leichter Arbeit bekamen, die auch besser bezahlt wurde.

Für uns ist eigentlich mittlerweile zum Glück normal, dies als diskriminierend zu empfinden, doch wir distanzieren uns anscheinend gerne, wenn es (ehemalige) ÖsterreicherInnen betrifft. Der Kampf um Freiheit (Selbstbestimmung in jeder Hinsicht, wie ich leben, lieben, arbeiten will) ist keineswegs lächerlich, wie es manche reflexhafte Reaktionen nahelegen. Ein Beispiel dafür ist Gebi Meir von den Grünen, der gerne im T-Shirt mit einer "Tiroliban"-Karikatur von Andreas Hofer posiert. Aus unserer Sicht mag Hofer sich für das falsche Konzept eingesetzt haben (als "katholischer Bin Laden", so ein sarkastisches Posting), aber der Aufstand gegen Willkürherrschaft und fremde Herren ist immer richtig, auch wenn er letztlich scheitern mag.

Es kommt ja fast so vor, als würde man ihm vorwerfen, dass er am Ende von den Franzosen gefangen genommen und hingerichtet wurde (Napoleon hat auch ganz andere überrannt und besiegt). Ist es von vornherein verwerflich, sich ein "einig Tirol" zu wünschen, wie eine Webseite heisst? Man kann ja die Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg akzeptieren, da die Menschen immer alles hinnnehmen müssen, was Herrschende und Sieger tun und entscheiden, es aber dennoch schmerzhaft finden. Nicht jede/r SüdtirolerIn, die/der sich wünscht, dass das Land zu Österreich gehört, ist deswegen gleich Nazi oder Faschist. Es ist vielleicht ein linker Reflex, bei Befreiung und dem Wunsch nach völliger Selbstbestimmung an ferne Länder zu denken und sich dabei gut und solidarisch zu fühlen - niemals aber einzugestehen, dass es auch zum eigenen Land diese Bindung geben kann.

Abseits politisch korrekter und verordneter Gefühlslage zu agieren würde aber auch eine positive, linke Heimatverbundenheit bedeuten (wie auch immer man / frau die dann nennt). Als unmittelbare Folge würde das Land stärker gestaltet, weil dann verstanden wird, dass es das ist, was wir in unserem Leben zur Verfügung haben, wofür wir verantwortlich sind. Es würde dann weniger der Eindruck entstehen, dass dieser Bezug den Rechten und den Hetzern überlassen wird, die Identität als Ausschluss anderer Menschen, die hier leben, aber nicht hier geboren wurden, verstehen. Ein Aspekt der Identität sollte auch sein, nicht mehr (wie in Carnuntum) römische Besatzer zu feiern, die Menschen die Freiheit nahmen, welche auch unsere VorfahrInnen waren - an der Wiege der keltischen Kultur wird diese verleugnet, während etwa in Großbritannien, das später keltisch wurde, des Widerstandes gegen die Römer gedacht wird...

Infos:
Tiroler Geschichte
Einig Tirol zur Dornenkrone
Einig Tirol zum Festumzug
Südtiroler Freiheit
Südtiroler Freiheitskampf
Festzug in der Tradition von 1934 (Blog "Hochtirol")
Aussagen des Südtirolsprechers der ÖVP
"Der Superheld aus Tirol" (Kritisch über Hofer)
Gedenken beschränkt sich auf Hofer
Artikel bei "Malmoe"
Der Tiroliban  (in "Chilli")
Biografie Andreas Hofer (Sendersbühne)
Tiroler Schützen
Artikel beim "Stadtwanderer"
Antifa Meran
Los von Rom
Geschichte des ORF Tirol
Die starken Tirolerinnen (Ceiberweiber-Artikel zu Frauen im Freiheitskampf)
Frauen in Südtirol (in den "Bombenjahren", Ceiberweiber-Artikel)


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